In dem 2018 veröffentlichten Buch „Cargobike Boom“ werden die drei Wellen der Transportradgeschichte beschrieben. Wir geben überraschende Details wieder und fassen die wichtigsten Aussagen zusammen.

Lastenräder (auch Cargobikes genannt) sind heutzutage ein Lifestyleprodukt. Ihre Verkaufszahlen sind in den letzten Jahren rasant gestiegen und in immer mehr Städten prägen zwei- oder dreirädrige Lastenräder das Stadtbild. In Deutschland wurden 2016 mehr E-Lastenräder als E-Autos verkauft: 11.400 neu zugelassenen E-Autos standen 15.000 verkaufte eCargobikes (Schätzung des Zweirad-Industrie-Verband) gegenüber [BEHRENSEN 2018]. Die neuen Fahrräder werden vielfach für den Transport von Kindern eingesetzt. Aber auch die Logistikbranche setzt mehr und mehr auf emissionsfreie Zustellung per Lastenrad.

Wenn dieser Boom beschrieben wird, werden Lastenräder häufig als Innovation gefeiert. Dabei wird übersehen, dass Lastenräder eine jahrzehntelange Geschichte haben und bereits Ende des 19. Jahrhunderts Vorgänger der heutigen Lastenräder eingesetzt wurden.

Doch wie sahen die historischen Lastenräder aus? Und zu welchen Zwecken wurden sie genutzt?

 

Erste Welle: die „Urahnen“

Laut Juergen Ghebrezgiabiher, dem Autor des Artikels „Die 3 Wellen der Transportradgeschichte“, wurden die ersten Lastenräder in den 1890er Jahren eingesetzt und bis in die 1960er, in denen die Massenmotorisierung überhandnahm, vor allem für gewerbliche Zwecke eingesetzt.

Die ersten Fahrräder, wie wir sie heute kennen, waren – wie auch die weit verbreiteten Dreiräder – mit Ladeflächen ausgestattet. Diese historischen Lastenräder wurden vor allem von Handwerker, Postboten und Fahrradboten eingesetzt, etwa zum Entleeren der Briefkästen und zur Beförderung der Briefbeutel vom Bahnhof zu den Stadtpostämtern. Bürgerliche Fahrradclubs bewarben den Einsatz des neuen Fortbewegungsmittels und sahen vor allem beim Militär ein großes Nutzungspotenzial. Fahrrad wie Lastenrad sollten in den Augen der Clubs nicht für „Jedermann“ zugänglich sein.

Doch es kam anders als von den Clubs erhofft. Die hohe Praktikabilität und die durch die sinkenden Preise für Fahrräder führten dazu, dass unglaublich viele Berufszweige Lastenräder einsetzten. So gehörten sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Fuhrpark von Barbieren, Frauen die Mittagessen ausfuhren, Kunstmaler, Imker, Lampenölhändler, Fliesenleger, Fotografen, Hebammen, Kaffeeverkäufer, Schuster. Erstaunlicherweise kam teils auch die Feuerwehr im Lastenrad geeilt, inkl. Schlauch und Helmständer.

Zu dieser Zeit wurden Lastenräder häufig von Schmieden gefertigt – eine echte Radkutsche also. Enorme Zuladungen von bis zu 400 kg waren möglich. In den 1930er Jahren entstanden zusätzlich Long Johns, also zweirädrige lange Modelle, auf denen die Last vorne transportiert wurde. Sie sind sportlicher, haben dafür eine geringe Zuladung um die 100 kg. In dieser Zeit entstand außerdem ein dritter Lastenradtyp: das Delta-Dreirad, welches die Ladefläche hinten hat und gerne als Rikscha zum Personentransport eingesetzt wird. Rikschas sind heute aus vielen asiatischen Städten nicht mehr wegzudenken.

Mit der zunehmenden Motorisierung verschwanden Fahrrad und auch Lastenräder langsam aus dem Bild europäischer Städte. Einzig mobile Eis-Verkaufsräder hielten sich noch bis in die 1980er Jahre.

Bergreijer driewieler-bakfiets (Foto: www.rijwiel.net)

 

Zweite Welle: Ölkrisen, Hippie Kommunen und die Wiederentdeckung

Die Wiederentdeckung des Lastenrads fand ab den 1970er Jahren statt. Diese zweite Entwicklungswelle wurde von ökologischen Motiven vorangetrieben. Um die negativen Effekte des motorisierten Verkehrs zu minimieren, machten sich Bürgerinitiativen, Verbände und Organisationen für eine Verkehrswende stark. 1979 wurde In Deutschland der ADFC gegründet, 1983 entstand die ECF. Fahrradliebhaber in selbstverwaltete Fahrradwerkstätten bastelten in dieser Zeit an Lastenrädern der Marke Eigenbau.

Nach den Ölkrisen 1973 und 1979 (und den autofreien Sonntagen) setzen außerdem einige Städte vermehrt auf das Fahrrad als alltägliches Verkehrsmittel. Dies beflügelte die Entwicklung weiter. Spannend ist, dass gerade die Ölindustrie noch eine zweite Rolle spielte. Da auf Raffineriegeländen keine motorisierten Fahrzeuge eingesetzt werden durften, wurden stattdessen Lastenräder eingesetzt.

Schließlich waren es die 80er Jahre, in denen Fahrradhersteller Lastenräder in ihr Sortiment aufnehmen, so zum Beispiel die Firma SCO oder die Christiania-Schmiede, die in Dänemark 1984 entstand.

Zu guter Letzt sind als Pioniere dieser Zeit noch Fahrradkuriere zu nennen. Erste Boten setzten ab den 1990er Jahren Lastenräder für ihre Zustellungen ein.

 

Dritte Welle: der Cargobike-Boom

Seit den 2000ern kam Dynamik in den Lastenrad-Markt. Die Räder wurden moderner und durch die Bauweise aus Aluminium auch leichter. Das Lastenrad wurde von Pionieren genutzt, die neben ökologischen und funktionalen Motiven das Rad auch als Lifestyle-Produkt oder Statussymbol ansehen.

Immer mehr neue Modelle kamen auf den Markt und viele Hersteller baten clevere Lösungen für den Kindertransport an. Außerdem kamen Rikschas als Fahrradtaxis in Großstädte. Die Delta-Dreiräder werden seit einigen Jahren von großen Logistikkonzernen nachgefragt, die in dem Fahrrad eine Lösung für schnelles und emissionsfreies Paketzustellen in Innenstädten sehen.

Ab 2015 werden Cargobikes zunehmen elektrisch angetrieben. Dies erweitert den Aktionsradius und spricht neue NutzerInnen an. Wird das Lastenrad damit nun wieder zum Massenprodukt? Die Zukunft wird es zeigen.

 

Möchten Sie mehr über die Geschichte des Lastenrads erfahren? Das Buch Cargobike Boom – Wie Transporträder unsere Mobilität revolutionieren von Juergen Ghebrezgiabiher und Eric Poscher-Mika ist im MAXIME Verlag erhältlich.


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